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Paul Goodman reflektiert 1945 daraufhin die Politik der USA in seinem diesmal "rein" politischen Essay "The May Pamphlet"- Die Kriegserklärung an den Staat.
(eine "Einführung in die anarchistische Kritik der herrschenden Zustände"). 1962 als "Drawing the Line" wieder aufgelegt, zählte von da ab in den USA zu den Standartwerken bei den Anarchisten und in der Linken Szene; (das tut es nach meinen Recherchen immer noch....)

drawing the lineGoodman, der konservative Anarchist.
In dem Buch von Autor "Höll" (Politische, soziologische und ökologische Dimension der Gestalt Thearapie) fand ich Hintergrundinformation: Höll geht der Frage nach, wodurch sich der Anarchismus Goodmans von der kommunistischen Tradition desselben radikal unterschied? Goodmans Leitbilder waren Jefferson, Thoreau und Kropotkin. In Jefferson, dem Agrardemokraten sah Goodmann einen seiner Väter in der "Utopie" des gemeinschaftlichen Lebens, denn wie für Jefferson waren die Autonomie und Unabhängigkeit des Menschen in seiner sozialen und freiwilligen Einbettung in die Gemeinschaft auch für Paul die Grundlagen einer freien Gesellschaft. Beider Ideal eines unabhängigen Lebens bestand darin, die politische und ökonomische Autonomie zu sichern und es jedem Menschen zu ermöglichen, seine ethischen und geistigen Potentiale in der Gemeinschaft zu entfalten; so seine "soziale" Natur zu verwirklichen. (http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Jefferson) und (http://de.wikipedia.org/wiki/Thoreau)

Henry Thoreau's "Resistance to Government" (über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat), lebte Goodman nahezu sein Leben lang. Sie waren sich beide einig darüber, daß jede Regierung, die beste ist, "welche nicht regiert", und allen Menschen war das Recht zu eigen, "der Regierung die Gefolgschaft zu verweigern" und ihr zu widerstehen....
Gehorsam und Anpassung ist für Goodman ein "Privateigentum", das am besten in den Dienst der "organismischen Selbstregulation" und der "schöpferischen Anpassung" statt in den Staat "investiert" werden sollte. Im O-Ton: "Wenn man Protest und Aufstand entmutigt, welche Kontrolle gibt es dann noch über die Regierung?" Goodman hat sich auch wie Thoreau der "freiwilligen Armut" verschrieben.
Kropotkin verstand den Anarchismus primär als "ursprüngliches Naturereignis". Danach sollen die Menschen von Natur aus freien und autonomen Induvidien bestehen, die sich nach den natürlichen Gesetzmäßigkeiten entwickeln und orientieren, analog zur Welt der Tiere. Das nur kurz zu Pjotr Kropotkin. (http://de.wikipedia.org/wiki/Pjotr_Alexejewitsch_Kropotkin)
Paul benennt das "schöpferische Anpassung" und "organismische Selbstregulation". Später erfahren seine Thesen direkte Anwendung in der Gestalttherapie. Ich zitiere Goodman: "Eines der Ziele einer so verstandenen Gestalttherapie ist es, die Gesellschaft weniger Ernst zu nehmen und jene Gesellschaft zu entdecken, in der man tatsächlich lebt."
Für Goodmann ist der Mensch nie trennbar von Politik. Für ihn besteht die Aufgabe eines guten Therapeuten darin, das "Gewahrsein" auch unbedingt auf eine Politik zu richten, die die Institutionen versucht zu verändern oder zu beseitigen, ..."wenn sie verhindert, daß Erfahrungen gemacht werden." Paul Goodman weiter: "Der Ausgangsbasis einer politisch bewußten und verantwortungsvollen Gestalt Therapie können wir uns annähern, wenn wir uns fragen, was der Natürlichkeit des Menschen verloren gegangen ist und wie das Kreiren von Experimenten dazu beitragen kann, das Verlorene wieder zurückgewinnen".
Das konservative an Goodmans Anarchismus: "Die Weisheit des einfachen Lebens", die sich in der jahrtausende alten Tradition des menschlichen Zusammenlebens wiederspiegelt, ausgehend vom prähistorischen Stammlebens bis hin zu seinem "kommunalen" Leben in Greenwich Village. Er kritisiert an sozialistischen Positionen, daß sie wieder zu Institutionalisierungen und neuen Staatsgebilden führen.. O-Ton: "Die Unterdrückten erhoffen sich zuviel von der neuen Gesellschaft, anstatt unbeirrt darauf aus zu sein, das zu tun, was sie für richtig halten...". Sein urbanes Dorf Greenwich Village war damals das Bohemienviertel, an dessen Grenze, "Chelsea" er wohnte.

1945 ist ein trostloses Jahr für Paul. Er muß Verleumdungen über sich ergehen lassen; leidet darunter ausgeschlossen zu sein und darunter, daß es ihm verweigert wird, seine Werke zu publizieren. Seine geliebte Mutter Augusta stirbt, und er kämpft deshalb mit längeren Depressionen. In einer Lektüre von A.S.Neill (dem Begründer der 1. Antiautoritären Schule "Summerhill") stößt Goodman wieder auf Freud, Wilhelm Reich und Otto Rank (Rank war Freuds Sekretär und später erster Schüler von S. Freud).

 
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